* 18 *
Der Zug der Gewöhnlichen Zauberer hatte auf der Zaubererallee gut hundert Meter zurückgelegt, ehe er vor einem kleinen, schwach erleuchteten Schaufenster auf der rechten Seite zum Stehen kam. Auf einem Schild über dem Laden stand NUMMER 13, MAGISCHES MANUSKRIPTORIUM UND ZAUBERPRÜFSTELLE.
Beetle trat aus der schützenden Menge der Zauberer und blickte an der Fassade seiner alten Wirkungsstätte hinauf. Die Fenster waren beschlagen vom Atem der einundzwanzig Schreiber, die emsig darin arbeiteten, und durch den trüben Fensterstreifen, der über den wackligen Stapeln von Büchern und Handschriften in die Wand eingelassen war, konnte er einen gelben Lichtschein sehen. Dafür, dass heute die Längste Nacht war, war das Fenster jedoch ziemlich düster – unter Jillie Djinns Leitung war verschwenderische Kerzenbeleuchtung nicht gestattet.
Beetle taten die Schreiber leid, die arbeiteten mussten, während auf der Zaubererallee gefeiert wurde, aber er war auch froh, dass sie noch da waren. Er hatte nämlich befürchtet, sie hätten heute früher Feierabend gemacht, wie es an so einem Abend zu seiner Zeit als Prüfgehilfe und Mädchen für alles üblich gewesen war. Seit seiner Entlassung führte Jillie Djinn im Manuskriptorium ein noch strengeres Regiment. Sie hielt nichts davon, früher Schluss zu machen, um sich womöglich gar zu amüsieren.
Zwei Zauberinnen, die Schwestern Pascalle und Thomasinn Thyme, traten vor. »Mr. Beetle, wir begleiten Sie gerne, wenn Sie es für nötig erachten.«
Beetle fand, dass er jede erdenkliche Hilfe gebrauchen konnte. »Danke«, sagte er, holte tief Luft und stieß die Tür auf. Ein lautes Ping ertönte, und der Kundenzähler sprang eine Ziffer weiter. Der Kundenraum glich einem Schlachtfeld, und das stimmte Beetle traurig. Auf der großen Ladentheke, die er immer peinlich sauber gehalten hatte, herrschte ein widerwärtiges Durcheinander von Zetteln und angeknabberten Süßigkeiten, der Fußboden war ungefegt und klebrig, und über allem lag der unverkennbare Geruch von etwas Kleinem und Pelzigem, das unter einem der vielen unordentlichen Papierstapel gestorben war.
Beetles Blick glitt durch den schmuddeligen Raum über die dünne Trennwand aus Holz und Glas, die den Kundenraum vom eigentlichen Manuskriptorium trennte, die alte gräuliche Farbe, die von den Wänden abblätterte, und die Spinnweben, die wie Girlanden an der Decke hingen. Er fragte sich, ob er, als er noch hier gearbeitet hatte, möglicherweise nur nicht bemerkt hatte, wie heruntergekommen alles war. Eines freilich wusste er mit Sicherheit: Ihm wäre der Zustand der schmalen, verstärkten Tür aufgefallen, die hinter der Theke ins Magazin für wilde Bücher und Charms führte – sie war mit zwei dicken Brettern zugenagelt. Er wunderte sich, wie da jemand hineinkommen sollte, um sauber zu machen. Wahrscheinlich putzten sie nie. Er durfte gar nicht daran denken, wie es im Magazin für wilde Bücher und Charms wohl aussah.
Plötzlich flog die halb verglaste Tür zum Manuskriptorium auf, und die Obermagieschreiberin stürmte heraus. Sie hielt ein großes Taschentuch in der Hand, in das am Rand, wie Beetle bemerkte, neben dem Kürzel OMS in unterschiedlichen Farben auch ihre anderen beruflichen Titel eingestickt waren. Damit beschäftigte sich Jillie Djinn an den langen einsamen Abenden in ihrer Wohnung über dem Manuskriptorium also, dachte er.
Jillie Djinn blinzelte überrascht, als sie ihn und die beiden Zauberinnen an seiner Seite sah.
»Ja?«, fuhr sie ihn an.
Auf diesen Augenblick vorbereitet, hielt Beetle die kleine Abgesandtenrolle umklammert. Jetzt klopfte er zweimal darauf und streckte sie eine Armlänge von sich weg. Mit einem leisen Sirren huschte ein lila Flackern um die Rolle herum. Beetle spürte einen heißen Hauch, und plötzlich hielt er die Ausführung in Normalgröße in der Hand. Sie fühlte sich erstaunlich dünn und zart an (denn Magie kann Materie weder erschaffen noch zerstören), aber für Beetle machte sie das nur noch geheimnisvoller und bedeutsamer. Er fing Jillie Djinns Blick auf. Sie war sichtlich beeindruckt, aber nur kurz, denn schon in der nächsten Sekunde gewann in ihrem Gesicht wieder der Ausdruck leichter Verärgerung die Oberhand.
Beetle nahm sich vor, ausnehmend höflich zu bleiben. »Guten Abend, Obermagieschreiberin«, sagte er. »Ich komme als Abgesandter der Außergewöhnlichen Zauberin zu Ihnen.«
»Das sehe ich«, erwiderte Jillie Djinn kühl. »Und was will sie denn nun schon wieder?«
An seiner offiziellen Rolle Gefallen findend, begann Beetle, die Worte vorzulesen, die sich auf der Schriftrolle rasch und von selbst aneinanderfügten.
»Wir möchten Sie davon in Kenntnis setzen«, verkündete er, »dass Burgalarm ausgelöst worden ist. Alle Schreiber sind mit sofortiger Wirkung für den Alarmzug abzustellen.«
Jillie Djinns Miene spiegelte sogleich den Zustand größerer Verärgerung wider.
»Sie können der Außergewöhnlichen Zauberin ausrichten«, bellte sie, »dass hier wichtige Arbeiten im Gang sind. Die Schreiber des Manuskriptoriums werden auf eine Laune der Außergewöhnlichen Zauberin hin nicht alles stehen- und liegenlassen und davonrennen.« Sie zog eine kleine Uhr aus einer ihrer vielen Taschen und warf einen Blick darauf. »Das Manuskriptorium schließt in genau zwei Stunden, zweiundvierzig Minuten und fünfunddreißig Sekunden, dann stehen sie Ihnen zur Verfügung.«
Aber davon wollte Marcia Overstrands Abgesandter nichts hören. Er unterdrückte – mit mäßigem Erfolg – ein Schmunzeln, als genau die Worte, die er benötigte, auf der Rolle vor ihm erschienen. Es las sie, den Augenblick voll auskostend, langsam vor: »Wir möchten Sie davon in Kenntnis setzen, dass gemäß den Alarmbestimmungen die Schreiber des Manuskriptoriums im Bedarfsfall abgestellt werden müssen. Sollte diese Abstellung auf Anforderung unterbleiben, würde dies Ihre Amtsenthebung nach sich ziehen.«
Jillie Djinn schnäuzte sich in ihr überqualifiziertes Taschentuch. »Wozu werden sie denn gebraucht?«, fragte sie, vor Entrüstung stammelnd.
Die Worte, die nun auf der Abgesandtenrolle erschienen, fanden Beetles ungeteilte Zustimmung – er selbst hätte es nicht besser ausdrücken können.
»Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich nicht befugt bin, Ihnen darüber Auskunft zu geben. Etwaige Fragen oder Beschwerden in dieser Sache sind nach Beendigung des Alarms in schriftlicher Form an den Zaubererturm zu richten. Binnen sieben Tagen wird Ihnen eine Antwort zugehen. Nun fordere ich Sie dazu auf, Ihre Schreiber unverzüglich abzustellen.«
Jillie Djinn wirbelte auf den Hacken herum, stapfte ins Manuskriptorium und knallte die dünne Tür hinter sich zu. Beetle sah seine beiden Begleiterinnen an. Sie waren bestürzt.
»Wir hatten gehört, dass sie schwierig ist«, flüsterte Pascalle.
»Aber dass sie so schlimm ist, das wussten wir nicht«, ergänzte Thomasinn.
»Sie ist schlimmer geworden«, sagte Beetle. »Viel schlimmer.«
Von hinter der Trennwand war plötzlich aufgeregtes Geschnatter zu hören und gleich darauf lautes Poltern, als die einundzwanzig Stiefelpaare der Schreiber von den Pulten heruntersprangen.
Der Lärm wurde von Jillie Djinns quäkender Stimme übertönt: »Nein, Mr. Fox, das ist keine Freizeit. Morgen werden Sie dafür zwei Stunden, neununddreißig Minuten und sieben Sekunden länger arbeiten.«
Die Tür zum Kundenraum flog auf, und Foxy erschien an der Spitze der Schreiber. Als er Beetle sah, erschrak er.
»He, Beetle, an deiner Stelle würde ich machen, dass ich wegkomme. Wir haben eine Alarmübung, und du-weißt-schon-wer ist schlecht gelaunt.«
»Ich weiß«, grinste Beetle und wedelte Foxy mit der Schriftrolle zu. »Ich habe ihr gerade von dem Alarm berichtet.«
Foxy stieß einen leisen Pfiff aus. Dann grinste auch er. »Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Jetzt haben wir in der Längsten Nacht doch noch frei. Danke, Beetle!«
»Nein, Foxy. Das ist keine Übung. Ihr werdet wirklich gebraucht.«
»Und du leitest den Einsatz? Ich bin beeindruckt.«
»Ich bin nur der Bote, Foxy.« Mit schwungvoller Gebärde klopfte Beetle zweimal auf das Ende der Rolle und steckte die geschrumpfte – und jetzt sehr kalte – Ausführung behutsam wieder in die Tasche. »Geht bitte alle nach draußen und schließt euch den Zauberern an. Wir müssen zum Palast. Dort werden wir uns sammeln und auf weitere Befehle warten. Seid draußen bitte leise – es handelt sich um einen stillen Alarm. Macht, so schnell ihr könnt – autsch! Partridge, könntest du bitte aufpassen, wo du deine Quadratlatschen hinsetzt?«
»Schön, dich zu sehen, Beetle«, grinste Partridge, während er sich mit Romilly Badger und den anderen Schreibern nach draußen quetschte. Die Aufregung über den Alarm war ansteckend, und niemanden schien es zu kümmern, dass am nächsten Tag länger gearbeitet werden sollte. Beetle zählte die Schreiber, bis nur noch er und Foxy im Kundenraum waren.
»Soll Miss Djinn auch mit?«, fragte Foxy vorsichtig. »Ich kann sie holen, wenn du willst.«
»Danke, Foxy, aber Marcia hat gesagt, lieber nicht.«
»Aha, verstehe«, erwiderte Foxy. »Hör mal, ich muss noch den Charm-Schrank abschließen. Das gehört zu meinen Pflichten. Ich habe zwar keine Charms, die ich wegschließen muss, aber es macht keinen guten Eindruck, wenn ich es unterlasse.«
Beetle warf einen Blick nach draußen. Die Menge der Zauberer, Lehrlinge und Schreiber stand da und sah ihn erwartungsvoll an. »Beeil dich«, sagte er.
Foxy nickte und flitzte davon. Eine Minute später war er zurück und gab Beetle aufgeregt ein Zeichen.
»Beetle, er ist hier – schon wieder!«
»Wer ist hier?«
»Na, wer schon? Daniel Dingsbums Jäger.«
»Merrin?«
»Ja. Wie immer er sich auch nennt. Er eben.«
Beetle bat seine beiden Begleiterinnen, die wartenden Zauberer und Schreiber zum Palast zu führen. »Ich komme nach, sobald ich kann«, versprach er, und an Foxy gewandt, sagte er: »Dann los. Schnell. Zeig mir, wo er ist.«
Ganz leise öffnete Foxy die Tür zum Manuskriptorium und deutete nach drinnen. Beetle spähte hinein. Er sah nur die Reihen leerer, hoher Pulte unter ihren matten gelben Lichtkegeln. Von Merrin war nichts zu sehen – und von Jillie Djinn auch nicht.
»Ich kann ihn nicht entdecken«, flüsterte Beetle.
Foxy blickte ihm über die Schulter. »Verflixt. Eben war er noch da. Ich bin mir ganz sicher. Wahrscheinlich ist er in der Hermetischen Kammer.«
Beetle war empört. »Dort hat er nichts verloren.«
»Sag das mal Jillie Djinn – er geht, wohin er will«, erwiderte Foxy bedrückt und schloss leise die Tür. »Er führt etwas im Schilde, Beetle.«
Beetle nickte. Das war garantiert der Fall.
»Dieser kleine Widerling«, sagte Foxy.
Der kleine Widerling führte tatsächlich etwas im Schilde. Und er war, wie Foxy vermutet hatte, in der Hermetischen Kammer.
Merrin musste warten, und das missfiel ihm. Um sich die Zeit zu vertreiben, aß er eine lange Lakritzschnur aus dem Geheimfach für Belagerungsfälle, das in den großen runden Tisch in der Mitte der Kammer eingelassen war. Das Geheimfach war jetzt vollgestopft mit klebriger Lakritze, während sein vorschriftsmäßiger Inhalt draußen auf dem Hof in der Mülltonne lag.
Merrin war zufrieden mit dem, was er heute Nachmittag vollbracht hatte. Er fand, dass er in den Schwarzkünsten immer besser wurde. Unter Verwendung eines schwarzmagischen Schutzschirms war er direkt vor Sarah Heaps Nase aus dem Palast spaziert. Das hatte Spaß gemacht, besonders als er ihr absichtlich auf den Fuß trat. Und als Jillie Djinn unverschämt geworden war, hatte er auch das geregelt. So etwas würde sie nie wieder tun, dachte er und grinste in den alten Spiegel, der an der Wand lehnte.
Merrin schaute tiefer in den Spiegel hinein und sah das Spiegelbild der Obermagieschreiberin, die über den großen runden Tisch gebeugt dasaß. Er zog ein paar Grimassen, dann stampfte er ungeduldig mit dem Fuß auf, ging zu dem Abakus hinüber und begann, unter lautem Klacken die Rechensteine auf so nervtötende Weise hin- und herzuschieben, dass jeder andere ihn angebrüllt hätte, er solle endlich damit aufhören, aber nicht die eingeschüchterte Jillie Djinn.
Merrin seufzte laut. Er langweilte sich, und weit und breit war kein Schreiber, den er ärgern konnte. Er spielte mit dem Gedanken, in den Keller hinunterzugehen und ein paar Sachen kaputtzuschlagen, aber der Konservator und Restaurator machte ihm Angst. Er wünschte, die Gespenster würden sich etwas beeilen. Warum brauchten sie so lange? Sie hatten doch nichts weiter zu tun, als dieses doofe Dunkelfeld herbeizuschaffen – was war daran denn so schwierig? Ungeduldig trat er gegen die Wand. Diese dummen Gespenster.
Er ließ die ins Leere stierende Jillie Djinn alleine und durchwanderte die sieben Windungen des Gangs und spähte in das dunkle und leere Manuskriptorium. Ohne die Schreiber war es seltsam unheimlich. Er selbst wollte in diesem Loch keine Minute zubringen, aber für die Gespenster war es wie geschaffen. Außerdem waren sie ihm hier nicht im Weg, und er konnte sich aufhalten, wo er wollte. Und tun, was er wollte. Jawohl.